Antisekten-Aktivismus oder Religionssoziologie – bloß Ansichtssache?

Die Fortsetzung der Zwölf Stämme-Kontroverse

Eine Analyse von Erich Mayer

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Nicht allen Kindern der Gemeinschaft ist es gelungen, aus den Heimen auszubrechen und den Weg zu ihren Eltern zurück zu finden. Dieses Mädchen hat es geschafft.

München, 12.02.2015 (FOREF) – Am 5. September 2013 holten die Behörden 41 Kinder aus der Zwölf Stämme-Gemeinschaft in Klosterzimmern, in der Nähe der bayerischen Stadt Nördlingen. 100 Polizisten und 60 Sozialarbeiter führten die Razzia frühmorgens durch, bei der die Kinder gewaltsam von ihren Eltern getrennt wurden. Eine prominente Antisekten-Aktivistin tat sich durch ihren Einsatz in diesem Fall besonders hervor: Die Geschäftsführerin von Sekten-Info NRW, Sabine Riede, war unmittelbar an den Vorbereitungen zur Razzia gegen die Gemeinschaft beteiligt.

Riede schrieb zudem das polemische Vorwort zu „Der Satan schläft nie“ (2014), der Story des Aussteigers Robert Pleyer. FOREF Europa hat ihre Vorwürfe und Mutmaßungen analysiert und sie den Aussagen von Susan Palmer gegenübergestellt. Palmer, eine Soziologin und Sachverständige, besuchte die Gemeinschaft in Klosterzimmern und verfasste daraufhin im Januar 2014 ihre Stellungnahme zur Razzia gegen die Kinder der Zwölf Stämme in Deutschland.

1. Art der Maßnahme

Riede prahlte mit der Polizeirazzia, bei der über 40 Kinder von ihren Eltern getrennt wurden: „Es handelt sich um die größte Maßnahme dieser Art in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Die Inobhutnahme war gut vorbereitet.“ Dagegen führt Palmer ins Feld: „Diese Razzia wurde wegen Misshandlungsvorwürfen veranlasst. Doch als die Kinder von Ärzten untersucht wurden, fanden sie keine Beweise.“

 2. Kindeswohlgefährdung als Argument?

„Die Gefährdung der Kinder war nach Ansicht der Behörden so umfassend, dass sie ohne Eingriff in das Sorgerecht der Eltern nicht hätte verhindert werden können“, so die überzogene Behauptung der „Sektenexpertin“.

Die Soziologin Palmer stellt fest: „Wenn ein Verdacht auf Misshandlung besteht, ist das Jugendamt normalerweise gesetzlich verpflichtet, Sozialarbeiter zu schicken, damit sie mit den einzelnen Familien an Problemlösungen arbeiten. Nur in Extremfällen werden Kinder vom Staat herausgenommen. In diesem Fall gab es keine Warnung. Diese Notmaßnahme wurde damit gerechtfertigt, dass man befürchtete, die ‚Sekte‘ würde fliehen.“

Der Amtsarzt Dr. Mainka, der alle 42 am Tag der Razzia in Obhut genommenen Kinder untersuchte, erklärt: „Sämtliche der 42 ärztlich untersuchten Kinder bzw.  Jugendliche wiesen keine misshandlungstypischen Hautveränderungen oder Verletzungen auf. Auch für eine psychische Misshandlung von Minderjährigen ergaben sich keine Anhaltspunkte; die Eltern-Kind-Beziehung war im Rahmen der Untersuchung jeweils intakt.“ Bestätigt wird Dr. Mainkas Stellungnahme durch die Berichte des Schulpsychologen Herrn Stapf, der über Jahre hinweg die Gesundheit und das Wohlbefinden aller Kinder, die er besuchte, positiv bewertete. Es habe „nie irgendein Anzeichen von Misshandlung“ gegeben.

3. Im besten Interesse des Kindes gehandelt?

Riede schrieb: „Die Unterbringung der Kinder in Pflegefamilien und Heimen soll dazu beitragen, dass die Mädchen und Jungen trotz der Trennung von ihren Eltern mit Liebe, Vertrauen und Verständnis aufwachsen können.“

Palmer kommentiert, dass die Eltern berichten würden, „dass es vielen Kindern im Exil nicht gut geht. Manche sind in Klöstern, andere in Heimen für jugendliche Straftäter. Zwei Jungen – einer mit Diabetes und einer, der einen Treppensturz erlitten hat – wurden ins Krankenhaus gebracht. Doch ein siebzehnjähriger Junge, der sich das Handgelenk gebrochen hatte, wurde medizinisch nicht versorgt. Manche wirken durch ihre Trennung von Eltern und Verwandten traumatisiert und fragen ständig, ob sie einen geliebten Bruder oder eine geliebte Schwester sehen dürfen.“

Manche Kinder wurden in Einrichtungen für straffällige und schwererziehbare Jugendliche gesteckt und wie Verbrecher behandelt, hinter verschlossenen Türen gehalten und in ihrer Freiheit stark eingeschränkt. Andere wiederum wurden bei Pflegeeltern untergebracht, die vom Jugendamt vollkommen kontrolliert werden. So wird versucht die Eltern-Kind-Beziehungen in diesen Familien anzuzweifeln, schlecht zu machen, aufzulösen und zu zerstören. Dabei waren diese Beziehungen laut Dr. Mainkas Bericht intakt und „sehr stark“.

4. Unglaubwürdige „Beweise“…

Riede behauptet, dass das Leben bei den Zwölf Stämmen „totale Kontrolle in allen Bereichen“ bedeute, und übt Kritik an dem, was ihres Erachtens die Glaubensüberzeugungen und Regeln der Gemeinschaft sind.

Palmer meint: „Ich finde es ziemlich beängstigend, dass die sehr ernste Entscheidung darüber, ob das Sorgerecht für die Kinder der Zwölf Stämme dem Staat oder den leiblichen Eltern gegeben werden soll, auf den Schriften von ‚Sektenexperten‘ wie (…) Sabine Riede von Sekten-Info NRW basieren. Nachdem ich die Meinung der [deutschen] Sektenexperten über die Zwölf Stämme gelesen habe, kann ich mit Zuversicht sagen, dass diese blanke Unwissenheit über soziologische Forschungsarbeit, eine schlampige, verantwortungslose Vorgehensweise und eine mit Vorurteilen belastete, einseitige und klischeehafte Sichtweise über sogenannte ‚Sekten‘ offenbaren.“

5. … doch der Zweck rechtfertigt die Mittel

In ihrer Einleitung zum Buch „Der Satan schläft nie“ sympathisiert Riede mit dem Ex-Mitglied Robert Pleyer, wenn sie schreibt: „Er muss sechs Jahre warten, bis er die Genehmigung für eine Hochzeit erhält.“ Die Tatsache ist, dass das Mädchen, das er heiraten wollte, erst 13 Jahre(!) alt war, als er Zuneigung für sie entwickelte. Damals war Pleyer als Lehrer in der Gemeinschaft tätig. Ihre Eltern bereuen sehr, dass sie ihre Zustimmung zur Hochzeit gegeben hatten, als das Mädchen 19 war. Pleyer habe sie misshandelt und sie in psychiatrische Episoden hineingetrieben, was sie vor ihrer Ehe mit ihm nie erlebt hatte.

Es gehört zur gängigen Methode von „Sektenexperten“, Halbwahrheiten zu verwenden und Täter-Opfer-Muster zu projizieren, um das suspekte Image religiöser Minderheiten aufrechtzuerhalten und zu verstärken. Dementsprechend ist Riede voll des Lobes für Robert Pleyer, der ihre „Bewunderung verdient“. Denn er (genauer gesagt sein Ghostwriter Axel Wolfsgruber vom Sport-Ressort des Magazins FOCUS) schrieb ein Buch, das die Gemeinschaft in grober und völlig überzogener Weise verleumdet. All das war Teil der beschlossenen Strategie gegen die Zwölf Stämme: Riede ging persönlich zum Familiengericht, behauptete ein Durchsuchungsbefehl sei nötig und führte unzuverlässige Informationen an, um ihre „Macht auf dem Rücken hilfloser Kinder“ (ihre wortwörtliche Anklage gegen die Mitglieder der Zwölf Stämme) auszuspielen. Die Sektenexpertin instrumentalisierte außerdem die Polizei und das Jugendamt und mischte sich auf diese Weise in die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern ein.

Palmer stellt fest, dass das „Jugendamt ihre Anfänge im Zweiten Weltkrieg hat, als es eingerichtet wurde, um Kriegswaisen zu helfen. Dieses Beratungsgremium von Sachverständigen gibt es nur in Deutschland und es fungiert wie ein Vormundschaftsrat. Es ist unabhängig und selbstständig tätig und hat sogar mehr Macht als die Polizei. Das Jugendamt kann aufgrund eines anonymen Vorwurfs in das Wohngebäude einer Familie eindringen und ein Kind sogar ohne Gerichtsbeschluss herausnehmen. Dies führt häufig zu vorbeugenden Maßnahmen und zu einem Kampf um Beweise, um im Nachhinein willkürliche Razzien rechtlich rechtfertigen zu können. Klagen gegen das Jugendamt liegen dem Europäischen Parlament sowie dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vor. Viele von ihnen beinhalten die Beschwerde, dass Jugendamtsmitarbeiter ihre eigenen bürokratischen Interessen und die kulturellen Normen der deutschen Sozialpolitik verteidigen würden.“

War der brutale Eingriff des Jugendamts im Falle der Zwölf Stämme gerechtfertigt? Mittlerweile hebt sogar das Ex-Mitglied Robert Pleyer hervor, dass die Erziehung in den Zwölf Stämmen nicht nur auf Bestrafung basiert, sondern größtenteils liebevolle Aufmerksamkeit und Erklärungen beinhaltet. Am 17. November 2014 gab er ein Interview an T-Online . Darin sagte er wörtlich:

„An sich machen sich die Mitglieder der Zwölf Stämme viele Gedanken um Kindererziehung und ihre sozialen Strukturen sind sehr sicher. Die Kinder haben dort einen Halt. Es wird viel mit ihnen geredet. Sich für sie Zeit zu nehmen, sich ihnen zuzuwenden hat eine hohe Priorität. Da vermittelt man ihnen trotz Züchtigung mehr, als wenn sie einem egal sind. So wie die Zwölf Stämme ihre Kinder erziehen, bleibt mehr Harmonie erhalten, mehr Ruhe.“

6. Ein konstruierter Fall

Im Fall der Zwölf Stämme verletzen die Gerichte und das Jugendamt wiederholt die deutsche Verfassung. „Aber sie können nicht zugeben, dass sie einen Fehler gemacht haben“, berichtete ein Vater an das Forum für Religionsfreiheit Europa. „Sie versuchen einen Fall gegen uns zu konstruieren und laden dazu Sektenexperten und tendenziöse Ex-Mitglieder als Zeugen.“

Einige der vom Staat in Obhut genommenen Kinder haben bereits die Volljährigkeit erreicht und sind heimgekehrt, während jene, die alt genug waren, um davonzulaufen, dies getan haben und ebenfalls heimgekehrt sind. Sechzehn Kinder verbleiben noch unter staatlicher Kontrolle und werden wie Häftlinge behandelt. Bei den wenigen Gesprächen der Kinder mit ihren Eltern wird unter Aufsicht jedes Wort unter die Lupe genommen, um die Eltern-Kind-Beziehung zu kontrollieren.

Die Religions- und Glaubensfreiheit ist sowohl in der Bayerischen Verfassung als auch im deutschen Grundgesetz, in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sowie anderen internationalen Urkunden, die Deutschland ratifiziert hat, verankert; dasselbe gilt für das Recht von Eltern und Kindern auf Schutz der Familie. Die Erfahrung der Zwölf Stämme- Gemeinschaft in Deutschland demonstriert jedoch, wie ihre unveräußerlichen Rechte und Freiheiten durch die einflussreiche Agenda von FECRIS und dessen selbsternannte „Sektenexperten“ missachtet werden. Um zu verhindern, dass die Gemeinschaft sich in Österreich niederlässt, wo Heimunterricht gesetzlich erlaubt ist, hat die bayerische Landesregierung bereits Kontakt mit der österreichischen „Bundesstelle für Sektenfragen“ aufgenommen.

Währenddessen erscheinen die von seriösen Soziologen gewonnenen wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu Glauben, Praxis und sozialen Wesensmerkmalen der Zwölf Stämme als bl0ße Ansichtssache. Werden die 16 Kinder in staatlicher Obhut jemals zu ihren Eltern zurückkehren? Die von den Eltern der Gemeinschaft eingeleiteten Rechtsverfahren sind noch anhängig.


Sabine Riede ist eine sogenannte „Sektenexpertin“, die es sich zum Grundsatz gemacht hat, direkten Kontakt mit Mitgliedern der von ihr verurteilten Gruppen zu vermeiden. Ihre Informationsquellen sind Ex-Mitglieder und Zeitungsartikel. Riede ist die Geschäftsführerin von Sekten-Info NRW, einem deutschen Gründungsmitglied der umstrittenen europäischen Dachorganisation FECRIS (Europäische Föderation der Zentren für Forschung und Information über das Sektenwesen), die insgesamt 25 Antisektengruppen vereint.

Dr. Susan Palmer ist eine kanadische Religionssoziologin, die die Zwölf Stämme seit 1988 ausgiebig studiert hat. Derzeit arbeitet sie als Forscherin an der McGill University in Montreal und ist Affiliate Professor an der Concordia University. Im akademischen Bereich ist sie als führende Sachverständige über die Gemeinschaft der Zwölf Stämme anerkannt. Sie  führte weltweit Recherchen durch, interviewte den Gründer der Gruppe und sprach mit Mitgliedern und ehemaligen Mitgliedern. Palmer ist Mitverfasserin des in Kürze erscheinenden Buches „Storming Zion: Government Raids on Alternative Religious Communities“, herausgegeben von Oxford University Press (2015).

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