Dossier: Religiöse Minderheiten


Teil 1:

KIRCHLICHE UND THEOLOGISCHE STELLUNGNAHMEN

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Dr. Hans KÜNG
Professor für ökumenische Theologie an der Universität Tübingen

Es wäre in der Tat falsch, diese neuen religiösen Bewegungen in der westlichen Welt entweder religionskritisch abzutun oder als bloße ,,Jugendreligionen“ abzuqualifizieren: als handle es sich nur um gesellschaftliche Fluchtphänomene, um jugendliche Schwärmerei und nicht um ein grundsätzliches Problem, an dem sich seismographisch die geheimen Erschütterungen einer Gesellschaft erspüren ließen.

Was also suchen die Anhänger der neuen, neuorientalischen, insbesondere indischen Religionen? Eine Analyse der ,,neuen religiösen Bewegungen“ (,,Concilium“, 1983, Heft 1) ergibt nach dem Herausgeber, dem amerikanischen Religionssoziologen John Coleman, folgende drei Motivationen, die offensichtlich ineinander greifen:

  • Eine Suche nach intensiver Erfahrung ihres Selbst und der umgestaltenden Kraft des Heiligen. Fast alle Kommentatoren der neuen religiösen Bewegungen legen großen Nachdruck auf dieses Thema der Suche nach einer berührbaren, erfahrbaren Religion.
  • Die Suche nach einer tragenden Gemeinschaft.
  • Die Suche nach dem echten Charisma religiöser Führer und so der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen.

(Christentum und Weltreligionen, Piper 1984 S. 248-250)


Dr. Heinz RÖHR
Professor für evangelische Theologie, Kirchen- und Religionsgeschichte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt/M.

Und wir als freie Christen sollten hellwach werden, wenn zum großen Jagen auf die angeblichen Sektierer, die labilen Systemflüchter und sanften Rebellen, die sich in den sogenannten ,,Jugendreligionen“ sammeln, geblasen wird.

Meine Erfahrungen mit den Jugendreligionen sind ganz anders. Ich habe im Sommersemester 1979 innerhalb des FB Religionswissenschaften an der J.W.Goethe-Universität in Frankfurt ein Projektseminar mit über 70 Studenten durchgeführt.

Und das Ergebnis hat uns in jeder Hinsicht überrascht: Wir mußten feststellen, daß das meiste, was die ,,Sektenpäpste“, allen voran Haack, aber auch Löffelmann, Hauth, Reimer, z.T. auch Mildenberger u.a. gesagt und geschrieben haben, (gelinde gesagt) mit Vorsicht zu genießen ist.

Ich habe Haack gelegentlich im Fernsehen gesehen, und ich muß sagen, ich war erschüttert, wie leichtfertig – vor einem Millionenpublikum – da ,,Wahrheiten“ unter die Masse gebracht wurden. Ich halte es für verhängnisvoll, daß Männer wie Haack als ,,Sektenkenner“ hochgejubelt, bestimmen, was der kirchliche Normalverbraucher über diese Gruppierungen zu denken hat.

(Freies Christentum, Okt. 1979, S. 171)


Dr. Erich GELDBACH
Privatdozent für Kirchengeschichte und ökumenische Theologie an der Universität Marburg

Der moderne Staat rühmt sich zu Recht seiner religiösen und weltanschaulichen Neutralität. Dieses Kennzeichen hat mit Notwendigkeit einen religiösen und weltanschaulichen Pluralismus zur Voraussetzung und zur Folge. Mit religiösen Pluralismus umzugehen ist jedoch nie eine Stärke europäischer Gesellschaften gewesen, wie die Annalen der Mennoniten oder Quäker, der Methodisten oder Baptisten, der Altlutheraner oder anderer Abweichler, die alle auch einmal ,,neue“ Religionen waren, hinlänglich verdeutlichen können. Es gilt, Sachlichkeit zu lernen und vor allem das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten.

Sollten sich Neue Religiöse Bewegungen (NRB) krimineller Vergehen schuldig gemacht haben, so bestrafe man sie wie jeden anderen Bürger oder jede andere Personenvereinigung nach den geltenden Gesetzen. Es darf aber nicht Ziel der kirchlichen ,,Bekämpfung“ der NRB sein, auf voreilige gesetzliche Eingriffe abzuheben. Die Gefahr ist groß, daß dieser Schuß nach hinten losgehen könnte. Denn wer garantiert, daß z.B. gesetzliche Vorschriften und Normen, die unter dem Eindruck der NRB-Aktivitäten entwickelt werden, nicht eines Tages auch gegenüber den Kirchen selbst zu Anwendung kommen? Wäre es nicht denkbar, den Weg eines jungen Mannes in das Priesteramt mit Zölibatsverpflichtung z.B. als unnatürliche seelische Grausamkeit, als Psychomutation oder Manipulation zu interpretieren? Welche ,,Langzeitschäden“ werden von manchen kirchlichen Gruppen verursacht? Könnte eine ,,Bekehrung“ nicht als Gehirnwäsche interpretiert werden? Man erinnere sich doch auch daran: Zuerst saßen die Zeugen Jehovas im Konzentrationslager, schließlich auch Martin Niemöller…

Die Kirchen sind gut beraten, sich auf ihre eigenen Mittel und nicht auf die des Staates zu besinnen. Dazu können zwei kirchliche Dokumente als Anleitung dienen, die im vergangenen Jahr entstanden sind. Vier vatikanische Stellen veröffentlichten ein als ,,Zwischenbericht“ gekennzeichnetes Papier mit dem Titel ,,Sekten und neue religiöse Bewegungen. Eine Herausforderung für die Seelsorge“. Der Bericht wertet ca. 75 Antworten auf einen Fragebogen aus, der an die regionalen und nationalen Bischofskonferenzen verschickt wurde. Das zweite Dokument ist auf einer gemeinsam vom Ökumenischen Rat der Kirchen und vom Lutherischen Weltbund im September 1986 in Amsterdam veranstalteten Konsultation erarbeitet worden.

Beide Dokumente fallen durch einen äußerst moderaten Ton auf. Das beginnt schon bei der Wortwahl. Die vatikanische Verlautbarung erklärt ausdrücklich, daß Begriffe wie ,,Sekte“ oder ,,Kultgemeinschaft“ abfällig klingen, und möchte den neutralen Terminus ,,Neue Religiöse Bewegungen“ anwenden. Im zweiten Dokument fragt man weitergehend, was eigentlich ,,neu“ meint, und erinnert daran, daß das Christentum selbst wie die Denominationen einst ,,neu“ waren.

(Die Kirchen und die Neuen Religiösen Bewegungen, Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim, Mai/Juni 1987)


Sekretariat für die Einheit der Christen, Sekretariat für die Nichtglaubenden, Sekretariat für die Nichtchristen, Päpstlicher Rat für die Kultur

Aus Erfahrung wissen wir, daß es im allgemeinen wenig oder überhaupt keine Möglichkeit für einen Dialog mit den Sekten gibt und daß nicht nur sie selbst sich einem Dialog verschließen, sondern daß sie auch ein ernstes Hindernis für ökumenische Bildung und Bemühungen darstellen können, wo immer sie aktiv sind.

Wenn wir aber unseren eigenen Glaubensauffassungen und Grundsätzen – Achtung des Menschen, Achtung der Religionsfreiheit, Vertrauen auf den Heiligen Geist, der in unermeßlicher Weise sich darum bemüht, daß Gottes Liebe die ganze Menschheit, jeden Mann, jede Frau und jedes Kind erreicht – treu sein wollen, dann können wir uns nicht damit zufrieden geben, die Sekten zu verdammen und zu bekämpfen, sie vielleicht als außerhalb von Gesetz oder Gesellschaft stehend zu betrachten, und die Menschen gegen ihren Willen zu ,,deprogrammieren“. Die Herausforderung durch die neuen religiösen Bewegungen liegt darin, unserer eigenen Erneuerung zu einer größeren pastoralen Wirksamkeit einen Impuls zu verleihen.

Wir müssen sicherlich auch in uns selbst und in unseren Gemeinschaften den Geist Christi ihnen gegenüber entwickeln; wir müssen versuchen zu verstehen, wo sie stehen und ihnen, wenn es möglich ist, die Hand in christlicher Liebe entgegenstrecken.

(Sekten und neue religiöse Bewegungen – Eine Herausforderung für die Seelsorge, Referat für Weltanschauungsfragen, 1010 Wien, 1986, S. 28)


Empfehlungen der Amsterdamer Konsultation über Neue Religiöse Bewegungen vom 7.-13.9.1986 an die Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes (LWB) und des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK)

Wir empfehlen, daß theologische Seminare und Fakultäten ihre Verantwortung ernst nehmen, christliche Geistliche und Laien für den Dienst in einer religiös pluralen Welt vorzubereiten, in der Erkenntnis, daß neue religiöse Bewegungen Teil dieses Pluralismus sind.

Wir empfehlen Kirchenmitgliedern die ,,Leitlinien zum Dialog“ des ÖRK als Studienhilfe zum Nachdenken über den Sinn von ,,Dialog“, sowie die allgemeinen Leitlinien, die unsere Teilnahme am Dialog mit Menschen anderen Glaubens bestimmen können.

Einzelne ,,Leitlinien“ sind vielleicht von besonderer Bedeutung für den Dialog mit Menschen neuer religiöser Bewegungen:

  • Partner im Dialog sollten frei sein, ,,sich selbst zu definieren“, und nicht durch die Vorstellungen und Klischees anderer definiert werden.
  • Wir treten in einen Dialog mit Menschen ein, nicht mit Etiketten oder Systemen.
  • Im Dialog sollte man nicht die eigenen Ideale mit den Exzessen oder dem Versagen der anderen Religion vergleichen.
  • Dialogpartner sollten sich der ideologischen Überzeugungen (commitments) bewußt sein, die jeder von ihnen vielleicht hat, sowie der politischen und sozialen Zukunftsbilder (visions) der jeweiligen Traditionen.

…Eine besondere Empfehlung: Es wird empfohlen, daß von Vertretern des LWB, des ÖRK und möglichst auch des Vatikans eine Konsultation mit Vertretern neuer religiöser Bewegungen organisiert wird, um das Problem der Menschenrechte in ihren wechselseitigen Beziehungen und anderen Aktivitäten zu diskutieren. Die Aufgabe der Konsultation würde darin bestehen, einige Leitlinien auszuarbeiten, die die Bedürfnisse und Interessen aller Beteiligten für den Schutz ihrer – individuellen und kollektiven – Freiheit und Integrität zum Ausdruck bringen. Zu solch einer Konsultation sollte eine gleiche Anzahl von Teilnehmern vonseiten der christlichen Kirchen und vonseiten der neuen religiösen Bewegungen eingeladen werden. Jeder Beteiligte sollte für die Kosten seiner eigenen Vertreter und für seinen Anteil an den allgemeinen Unkosten aufkommen.

(Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, 2/87)

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