Dossier: Religiöse Minderheiten

Teil 2: 

SOZIALWISSENSCHAFTLICHE STELLUNGNAHMEN UND ERGEBNISSE WISSENSCHAFTLICHER UNTERSUCHUNGEN

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DDr. Michael W. FISCHER
Professor am Institut für Rechtsphilosophie, Methodologie der Rechtswissenschaften und Allgemeine Staatslehre, Universität Salzburg / Dr.jur.can. Johannes NEUMANN Professor am Soziologischen Seminar der Universität Tübingen, Abt.Rechts- und Religionssoziologie

Die Angehörigen von Minderheiten, seien sie nun religiöser, rassischer, gesellschaftlicher, ökonomischer oder politischer Genese, werden gegenwärtig wieder deutlicher aus der verunsicherten Gesellschaft ausgegrenzt. Gerade weil die so oft berufene ,,schweigende Mehrheit“ die sie verunsichernden Ängste dort, wo sie ihren wirklichen Ursprung haben, entweder nicht festmachen kann oder will (weil sie die Ursachen auch gar nicht genau zu bestimmen vermag), werden andere zu Sündenböcken gemacht. Diese Sündenbockmentalität tritt deutlich zutage, wo bestimmte Gruppierungen ausgemacht werden können, auf die der Zorn der Gesellschaft gelenkt werden kann. In der späten Kaiserzeit des römischen Reiches waren es die Christen; als dann die Kaiser sich bekehrt hatten, die Heiden, später die Ketzer und die Hexen, um schließlich im Holocaust der Judenverfolgung einen grausamen Höhepunkt zu erreichen. Gegenwärtig sind es die neuen religiösen Bewegungen, die Terroristen und Asylanten, die AIDS-Kranken, aber auch bereits Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger. Morgen sind es vielleicht die lästigen Pflegefälle der Alten und Siechen.

Jedes soziale System schafft sich seine Außenseiter; an dem abweichenden Verhalten wird das Wertgefüge der eigenen Normalität erkennbar und deutlich gemacht. Solche marginalisierende Zuschreibungen haben etwas ungemein Entlastendes, denn auf diese Weise müssen die dominanten Gruppen einer Gesellschaft sich keine Rechenschaft darüber geben, weshalb bestimmte Phänomene, wie beispielsweise neue religiöse Bewegungen, in der konkreten gesellschaftlichen Situation eine solche Bedeutung, wie man sie ihr zuschreibt, überhaupt erhalten können. Ihre Diskriminierung enthebt die Mehrheit von jeglicher Auseinandersetzung mit der von der Minorität ausgehenden, vielleicht unangenehmen, weil die eigene Position verunsichernden Anfrage.

(Einleitung, Toleranz und Repression, Campus Verlag, S. 11f)


Dr. Alois HAHN
Professor für Sozialwissenschaften an der Universität Trier

Ein Gespenst geht um in diesem unserem Lande. Neue Sekten sind eingedrungen und bemächtigen sich der Seelen unserer Jugendlichen. Vom Parlament bis zu den Kirchen, von der seriösen bis zur Regenbogenpresse scheint sich alles einig zu sein über den gefährlichen Abgrund, der sich da für unsere Gesellschaft auftut. Die häufigsten Vorwürfe lauten, daß Kinder sich ihren Eltern entfremden, schwere Persönlichkeits-veränderungen erleiden, sich im normalen Leben später nicht mehr zurechtfinden und in Extremfällen, schwerstens psychisch gestört, Selbstmord verüben. Dabei wird suggeriert, solche Fälle seien typisch und vor allem weit verbreitet.

Nach den vorliegenden seriösen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen geht es um wenige tausend Leute in der ganzen Bundesrepublik. Vergleicht man diese Zahl etwa mit der der jugendlichen Arbeitslosen, die ums Mehrhundertfache höher liegt, dann erhält man den Eindruck, bei unserer Sorge um die Jugend stimmen die Proportionen ganz einfach nicht mehr.

Daß es gerade die Kirchen sind, die heute in den neuen Sekten eine solche Gefahr sehen, hängt sicher weder ausschließlich noch primär mit der Angst vor konkurrierenden religiösen Sinnstiftungen zusammen. Man wird echte seelsorgerische Teilnahme am Schicksal der zu den Sekten überlaufenden jungen Leuten nicht leugnen können. Ganz vernachlässigen kann man den Konkurrenzfaktor allerdings auch nicht. Kirchliche Feindschaft gegen Sektenkonkurrenz hat jedenfalls eine lange Tradition. Was im übrigen den Hinweis auf die ,,Abstrusität“ der neuen Lehren, ihre ,,Irrationalität“ betrifft, so wird man wohl nicht übersehen können, daß allen religiös Gläubigen der jeweilige ,,Irrglaube“ der anderen recht abstrus vorkommt.

(Westermanns Monatshefte, Januar 1985)


Dr. Lukas MOELLER
Professor am Zentrum der psychosozialen Grundlagen der Medizin, Universität Frankfurt/M.

Haben wir nicht eine verführerische Gelegenheit, über diese ,,anderen“ herzuziehen, um abzulenken von der eigenen Enttäuschung und der eigenen Unzufriedenheit, die unter uns zunehmen angesichts der immer komplexer werdenden Belastungen unseres täglichen Lebens? Bieten Berichte und Gerüchte über Sekten nicht hochkonzentrierten Stoff zum Klatschen: Brutalität, Sex, Perversionen, exotische Sitten, befremdendes und faszinierendes Auftreten, Moral und nostalgische Vereinfachung des Lebens (vgl.z.B. Fuchs, 1979; Nannen, 1979)? Ist nicht üppig Raum für unsere Phantasie, wenn Sekten in unserer Vorstellung einmal einem Strafgefangenenlager, dann wieder einem Ort ewiger Ferien gleichen? Schon immer wußten wir uns durch solche Sensationsmeldungen von eigenem unbehaglichen Druck zu entlasten. Der psychodynamische Vorgang ist ebenso einfach wie durchschlagend: alles Böse, alles Triebhafte, alles Neuartige (und damit übrigens auch potentiell Kreative) – genauer gesagt, alles, was wir in uns selbst tragen und so negativ bezeichnen müssen, weil wir es nicht in unser persönliches Leben aufzunehmen, zu integrieren vermögen, all das können wir jetzt projektiv herauslassen. Wir können uns gerade zu austoben in zügellosen Bildern über die Sekten. So finden die sonst durch Schuldgefühle und Ängste verdeckten eigenen Impulse teilweise ihre Befriedigung. Der besondere Gewinn liegt aber darin, daß wir in diesem unbestraften Ausleben auch noch empörte Ablehnung folgen lassen können. Wir verdammen diese Sekten, denen wir zuvor den nicht verarbeiteten, negativierten, sozusagen ungaren Teil unseres Selbst zugeschrieben haben. So schieben wir unseren Konflikt mit uns und unserer nächsten Umwelt auf die Auseinandersetzung mit den Sekten ab. Indem wir uns so veräußern, suchen wir das eigene Unbehagen zu lindern.

Natürlich enthebt uns das nicht der Aufgabe, auch zu überprüfen, inwieweit die Sekten unseren Projektionen möglicherweise entsprechen.

(Kirche – Lebensraum für Jugendliche, Matthias Grünewald-Verlag, Mainz 1980, S. 133f)


Dr. Rainer FLASCHE
Privatdozent im Fachgebiet Religionsgeschichte an der Phillips-Universität Marburg

Über 90% aller Meldungen in der Presse kreisen um immer wieder dieselben Vorwürfe mit immer den gleichen ,,Zeugen“ und ,,Informanten“. Eine wirkliche Aufklärung wird hier also nicht betrieben, noch sind auch nur Spuren von einer theologischen (apologetischen) Auseinandersetzung festzustellen. Symptomatisch für diese ,,Durchlässigkeit“ bei der Berichterstattung über die sogenannten Jugendreligionen ist beispielsweise auch, wenn in der Rheinpfalz, Ludwigshafen, vom 20.4.1982 in einem Bericht über das Symposium ,,Neue Religionen – Heil oder Unheil“ im Rahmen der ,,Frankenthaler Gespräche“ der Sektenbeauftragte der westfälischen Kirche, Pfarrer R. Hauth, lediglich mit folgendem Satz über das Innenleben der Vereinigungskirche zitiert wird: ,,Welches Elend und welche Tragödien sich dort abgespielt haben, da läuft es einem kalt den Rücken runter.“

Diese ,,religiöse“ Auseinandersetzung, die an die Stelle der Argumentation Vorwürfe verschiedenster Art setzt und meist plakativ verfährt, geht meiner Ansicht nach nicht nur an den eigentlichen Problemen, religiösen Defiziten in unseren Großkirchen, vorbei, sondern vermag auch letztlich keine wirkliche Argumentationshilfe an die Hand zu geben, da sie über Lehre und Selbstverständnisse der sogenannten Jugendreligionen und ihrer Anhänger nicht aufzuklären vermag, also auch nicht die Gründe und Beweggründe der Anhänger für ihren Eintritt deutlich machen kann. Es bleiben tatsächlich mehr Pauschalurteile, die bis zur Verunglimpfung reichen können, als sachliche Information und sachgemäße Auseinandersetzung. Gerade das aber birgt in sich auch die Gefahr, daß auf Grund dieser Unsachgemäßheit nicht nur immer mehr Verunglimpfung, sondern unter gewissen Umständen auch Verfolgungen erwachsen könnten.

Diese Befürchtung könnte sich umso mehr verstärken, je krisenhafter die gesellschaftlichen Situationen sich entwickeln könnten, zumal in Umbruchs- und Krisenzeiten, wie die Geschichte lehrt, Minderheiten welcher Art auch immer, nicht selten zur Abreaktion herhalten müssen. Dies sollte uns dazu veranlassen, die Auseinandersetzungen mit den religiösen Minderheiten auch in Gestalt der Jugendreligionen auf anderen Ebenen und in anderen Formen zu suchen.

(Gewissen und Freiheit, 19/1982, S. 54ff)


,,WIENER STUDIE“
durchgeführt von Dr. Herbert BERGER u. Dr. Peter HEXEL, Europäisches Zentrum für Ausbildung und Forschung auf dem Gebiet der sozialen Wohlfahrt in Wien, finanziert vom Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit der BRD:

Empfehlungen zum Umgang mit Neuen Religiösen Bewegungen aus der Sicht des Forschungsteams:

Aus unserer Sicht muß eine Information über die NRB (Neuen Religiösen Bewegungen) drei Kriterien erfüllen: Sie muß ausgewogen, sachlich und selbstkritisch sein. Ausgewogen heißt, nicht durch Anhäufung negativer und Auslassung positiver Aspekte das Bild zu verzerren, heißt, den Beobachtungen die Bedeutung zuzumessen, die ihnen innerhalb der Gruppe zukommt, und nicht jene, die in das Interpretationsschema des Beobachters passen. Es dürfen nicht einzelne Vorkommnisse als typisch hingestellt werden, bestimmten Lebensregeln nicht eine Bedeutung zugesprochen werden, die sie nicht haben, Perspektiven dürfen nicht verzerrt werden. Das, was dem Außenstehenden zuerst in die Augen springt, mag für die Gruppe gar nicht so wichtig sein; was auf Grund der kulturellen Andersartigkeit sofort registriert wird, wird auch meist falsch interpretiert. Es ist weiters sehr billig, religiöse Riten ins Lächerliche zu ziehen und symbolische Ausdrucksweisen verschiedener Texte der Gruppen in einer Weise zu interpretieren, die den Gruppenintentionen nicht entsprechen – auch religiöse Texte der Großkirchen können auf einen nicht Eingeweihten sehr befremdend wirken, sie haben nur ihre Schärfe in der gewohnten Unverbindlichkeit verloren. Eine sachliche Information erfordert überdies eine Beschreibung, bei der Beobachtung und Beurteilung in erkennbarer Weise voneinander getrennt werden. Auch das trifft auf die gängige Berichterstattung über die NRB nicht zu. Ebenso fehlt meist das selbstkritische Element, nämlich das Einbekenntnis der Relativität und Gebundenheit des eigenen Standorts. Bei der Berichterstattung über NRB werden diese Prinzipien permanent verletzt. Das ist deswegen möglich, weil die auf Sensationen ausgerichtete Verfälschung mit breiter Zustimmung rechnen kann. Geschädigt werden damit aber nicht nur die Mitglieder der Gruppen selbst, sondern auch ihre Angehörigen und ehemalige Mitglieder.

(Ursachen und Wirkungen gesellschaftlicher Verweigerung junger Menschen unter besonderer Berücksichtigung der Jugendreligionen, Wien 1981, S. 356)


Mag.Dr. Werner PÖLZ
Institut für Systemwissenschaften, Johannes-Kepler¬Universität Linz

Ich möchte nicht als Befürworter der Sekten mißverstanden werden, aber durch die andauernde pauschale Verdammung von Jugendsekten, ohne eingehende Auseinandersetzung wird der Eindruck verbreitet, daß nur dumme, chaotische Jugendliche sich solchen Religionen anschließen. Durch meine Untersuchungen konnte ich aber aufzeigen, daß es sich sowohl bei den Mitgliedern als auch bei den gefährdeten Jugendlichen um hochengagierte, idealistische Menschen handelt, die leider durch die etablierte Kirche nicht mehr angesprochen werden können. Die etablierten Religionen müssen statt nur einer einseitigen Verdammung der Jugendreligionen endlich anfangen, sich mit diesem Ideengut auseinanderzusetzen und eventuell daraus zu lernen.

Die Sektengefährdeten können als jene Personengruppe betrachtet werden, die eine ausreichende emotionale Basisversorgung in ihrer Herkunftsfamilie erlebt hat, die aber in ihrem bisherigen Leben ein starkes Auseinanderklaffen zwischen den eher hochgesteckten ideellen Zielen und Erwartungen an verschiedene Lebensbereiche und den tatsächlichen Lebenserfahrungen in diesem Bereich hinnehmen mußte. Es sind durchgängig hochidealistische Jugendliche, die sich für etwas einsetzen wollen, die aber weitestgehend noch nicht wissen, wofür sie sich denn einsetzen sollen und wofür es sich lohnt, sich in einem solchen Maße anzustrengen. Gleichzeitig suchen diese Jugendlichen in hohem Maße Gemeinschaft und das Gefühl des emotionalen Angenommenseins, wofür sowohl das hohe Familienideal einerseits, als auch andererseits das Motiv spricht, daß die sektengefährdeten Jugendlichen eben Personen suchen, mit denen sie ihre ,,Lebensfreude“ gerne teilen könnten.

(Jugendsekten – Prognose über das Gefährdungspotential bei Jugendlichen, aus Linzer Universitätsschriften, Beiträge zur Systemforschung, Springer Verlag 1985, S. 219ff)


Dr. Tobias A. M. WITTEVEEN
Deputy Clerk Second Chamber States General, Den Haag

Diese Untersuchungen über die Natur, das Ausmaß und die Ernsthaftigkeit der Gefahr, die den NRB zugeschrieben wird, führten weder zu gleichen noch auch nur annähernd gleichen Ergebnissen.

Es drängt sich die Frage auf, warum die Untersuchungsergebnisse hinsichtlich ein und desselben Phänomens so stark variieren. Wenn es wahr ist – und dies steht außer Streit -, daß viele NRB international verbreitet sind, und wenn es wahr ist, daß weltweit dieselben in diesen Bewegungen liegenden Gefahren beobachtet werden können – wie aus Anti-Kult-Kreisen verlautet -, dann dürften sorgfältige Analysen dieser Phänomene kaum mehr als minimale Abweichungen zeigen. Die an die Regierung gerichteten Empfehlungen mögen in jedem Land andere sein, weil sie dem jeweiligen Rechtssystem entsprechen müssen, aber ihre theoretische Grundlage (die Natur, das Ausmaß und die Ernsthaftigkeit der angeblichen Gefahren und die Notwendigkeit staatlicher Intervention) müßten dasselbe Bild ergeben. Trotzdem stellt sich in der Praxis das Gegenteil heraus.

Meiner Meinung nach liegt die Erklärung hauptsächlich in der unterschiedlichen Einstellung der verschiedenen, die Untersuchung durchführenden Menschen; sie zeigt sich in der Intention, den angewandten Methoden und dem Verfahren. Im großen und ganzen glaube ich, zwei Kategorien unterscheiden zu können: Einerseits jene, die von vornherein von der Schädlichkeit der NRB überzeugt waren; sie geben sich damit zufrieden, ihrer Überzeugung durch Hinweis auf illustrative Vorfälle Nachdruck zu verleihen, um so ihre Aufmerksamkeit Plänen zu widmen, wie die angeblich schädlichen Auswirkungen verhindert oder zumindest abgeschwächt werden könnten. Andererseits gibt es jene, die ursprünglich keine eindeutige Meinung über NRB hatten; sie versuchen sich auf Grund von Untersuchungen eine Meinung zu bilden und stellen Überlegungen an, ob es zu schädlichen Auswirkungen kommen könnte, die Grund zu staatlicher Intervention geben.

Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus mag die Beschreibung der erstgenannten Kategorie einer Verunglimpfung gleichkommen. Man muß sich aber vor Augen halten, daß ich in diesem Fall nicht von wissenschaftlicher Forschung spreche, sondern in erster Linie von politischen, öffentlichen Untersuchungen. Im politischen Bereich ist bereits der Entschluß zu einer Untersuchung von NRB eine wichtige Tatsache, die von der Anti-Kult-Bewegung zu Recht als Sieg ihrer Sache gedeutet wird. Dieser Entschluß an sich ist Ausdruck eines politischen Wunsches, und Politiker, die eine solche Entscheidung gefällt haben, fühlen sich zunächst erleichtert und stimmen der Tendenz dieser Entscheidung zu. Sie werden sich alle Mühe geben, sich den Vorwurf, versagt zu haben, zu ersparen und einen klaren Erfolg für sich zu buchen. Darüberhinaus werden sie versuchen sicherzustellen, daß das Ausmaß des Erfolges mit der Tendenz ihrer Entscheidung übereinstimmt. Da die die Untersuchung durchführenden Politiker mehr oder weniger erfolgreich die politischen Auswirkungen ihrer Entscheidung, eine Untersuchung durchzuführen, überwunden haben, werden die Ergebnisse ihrer Tätigkeit variieren.

(Begrenzung staatlicher Toleranz in der niederländischen Gesellschaft, Toleranz und Repression, Campus Verlag, S. 343f)

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