Evangelischer Okkultismus-Experte witterte „konfliktträchtige Sekte“ hinter Konferenz über Familienwerte

Einfach peinlich: Pöhlmann schwingt die Sektenkeule im 21. Jahrhundert

Ein Kommentar von Martina Wittenberger

Poehlmann - foto

München, 09.11.2015 – Eine internationale Organisation, die vom 6. bis 8. November im katholischen Seminarhaus Schloss Fürstenried zum Thema Familienwerte tagte, sei laut evangelischem „Sektenreferenten“ Matthias Pöhlmann eine „konfliktträchtige Sekte“. Diese würde beabsichtigen, Menschen seelisch „abhängig“ zu machen. Pöhlmann, der seit 1999 in der Antikult-Szene aktiv ist, nennt Esoterik, Okkultismus, Spiritismus, Satanismus als seine Arbeitsschwerpunkte. In einem Interview mit dem BR-Journalisten Andreas Halbig am 5.11.2015 warnte er vor den heimlichen Gefahren der besagten Gruppe. Es sei zu befürchten, dass die Teilnehmer der Konferenz „einen Verlust an Eigenverantwortlichkeit“ und im schlimmsten Falle „einen Verlust an Freiheit“ erleiden könnten.

Dass ein umsichtiger evangelischer Sektenreferent sich Sorgen darüber macht, welche Gäste sich für das Wochenende in katholische Einrichtungen einmieten, ist rührend. Aber dürfen wir unsere Kinder, Hunde und Katzen in Bayern überhaupt noch auf die Straße lassen, wenn solche „Sekten“ frei herumlaufen dürfen? Um welche Organisation handelt es sich hier eigentlich?

Die Universal Peace Federation (UPF) veranstaltete die besagte Konferenz unter dem Titel „Verwirrung im westlichen Wertesystem und die Bedeutung der Familie für die Gesellschaft“. Als Redner waren eine Parlamentsabgeordnete, zwei Mitglieder des Europaparlaments, die Publizistin Gabriele Kuby und Vertreter der Zivilgesellschaft eingeladen, um über die Herausforderungen des traditionellen Familienbegriffs in heutigen Gesellschaften zu diskutieren. Die UPF ist mit einem Konsultativstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der UNO akkreditiert. Die Organisation wurde vom koreanischen Visionär und Prediger Rev. Sun Myung Moon (1920-2012) im Dezember 2005 in New York gegründet und setzt sich laut eigenen Angaben für interreligiösen Dialog und Zusammenarbeit ein.

Allein in diesem Jahr veranstaltete die UPF weltweit hunderte von high-profile Veranstaltungen, u. a.

in Jerusalem, Israel (11-13.01.2015), anlässlich einer Konferenz unter dem Titel “Jerusalem and the Holy Sites: A Call for Peace at a Time of Crisis”;

in Abuja, Nigeria (31.01.2015), anlässlich einer Tagung zur Austragung von friedlichen Wahlen;

in Seoul, Süd-Korea (29.08.2015), anlässlichen eines Gipfeltreffens zum Thema „Challenges Facing Europe and the Middle East“;

in New York (21.09.2015), anlässlich des UN International Day of Peace 2015;

in Taiwan (21.09.2015), anlässlich eines chinesisch-taiwanesischen Dialogs zum Thema “Partnerships for Peace & Dignity for All”;

in Oslo, Norwegen (27.10.2015), anlässlich des Internationalen Tages der Familie;

in Wien, Österreich (30.-31.10.2015), in der Diplomatischen Akademie anlässlich eines Dialogs zwischen Russland und Europa unter dem Motto „Building Trust and Securing Cooperation for Sustainable Development“

…und, und, und. Letztes Jahr wurde der Präsident von UPF, Dr. Thomas Walsh, anlässlich der Syrien-Krise zu einer Beratung in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften im Vatikan eingeladen. Darüber hinaus gibt die UPF seit 2009 ein interreligiöses Fachjournal heraus unter dem Titel „Dialogue and Alliance“. Tja. Offenbar hat der Tarot-Karten-Experte Pöhlmann mit der UPF sein Thema verfehlt. Googeln kann man oder nicht. Mit Menschen persönlich reden kann man ebenso. Oder auch nicht. Aber kritisches Denken und rationales Argumentieren lässt sich leider nicht durch Klischees und Vorurteile ersetzen.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in einer Zeit, wo die Pluralisierung der kulturellen und religiösen Landschaft irreversibel geworden ist, verliert ein elitärer, kollektiver Purismus einer Religion, einer Nation oder eines Volkes an Sinnhaftigkeit. Der österreichische Menschenrechtsaktivist Peter Zöhrer, Initiator von FOREF, schrieb im Sommer 1999 an Vertreter von Medien, Politik und Kirchen:

Das neue Paradigma des nächsten Jahrhunderts ist das eines Weltbürgers in einem globalen Dorf. Das erfordert friedensgestaltende Eigenschaften wie Toleranz, Solidarität und Mediation. Auch Konfliktlösungsstrategien sind notwendig, sowie das gemeinsame Verständnis, dass unter jeder Hautfarbe das Blut derselben Rasse fließt: nämlich der Rasse MENSCH.

Manche evangelisch-lutherische Weltanschauungsreferenten haben den Bewusstseinswandel der Zeit verschlafen. Gegen Pluralität hilft nämlich keine Konformität. „Eine Zivilisation soll danach beurteilt werden, wie sie ihre Minderheiten behandelt“, sagte Mahatma Gandhi einst. Vielfalt erfordert das Gespräch.

Die Mutmaßungen des evangelischen Orakel-Experten Pöhlmanns deuten auf die Überzeugung einer Art „religiösen Apartheid“ hin. In diesem dualistischen Weltbild gibt es eine etablierte, heilige Kirche und den bösen, pseudo-religiösen Abschaum, dessen Vertreter nicht menschlich behandelt werden müssen. Bereits das Nostra Aetate, ein Dokument des II. Vatikanischen Konzils vom 28. Oktober 1965, ist da schon weiter gewesen. Dieser historische Text gibt den Geist der universalen Menschlichkeit, des Imago Dei, wieder indem es deutlich macht, dass auch nicht-katholische(!) Religionen, Lehren und Ansichten „doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen [würden], die alle Menschen erleuchtet.“

Wer den Sektenbegriff heute noch verwendet spricht in Wirklichkeit von geistigen Niggern.

In der Soziologie und der Religionswissenschaft wird der Begriff „Sekte“ seit Ende der 1980er Jahre aufgrund seines kriminalisierenden Charakters nicht mehr verwendet. Hinter dem medialen Diskurs über sog. Sekten während den 80er und 90er Jahren stand das Interesse von großkirchlichen Vertretern, die sich Vorteile zu verschaffen glaubten durch die Pathologisierung und systematische Ausgrenzung von religiösen Minderheiten und alternativen Weltanschauungen. Die Bezeichnung anderer als „Sekte“ stand für Dialogverweigerung und Polemik.

Die Kriterien religionswissenschaftlicher Forschung lauten jedoch Ausgewogenheit, Sachlichkeit und Selbstkritik. Der Religionswissenschaftler Frank Usarski schlug bereits in seiner Dissertation von 1987 vor, den stigmatisierenden Sektenbegriff durch eine neutrale Bezeichnung wie „neue spirituelle Bewegung“ zu ersetzen.[1] Wenn kirchliche Vertreter ernst genommen werden möchten und Zeichen der Inklusivität setzen wollen, muss der Maßstab der Intersubjektivität auch für sie gelten. Der Endbericht der Enquete-Kommission des deutschen Bundestags (1998), an dem mehrere Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche beteiligt waren, ist zum Schluss gekommen, dass der Sektenbegriff eine undifferenzierte, pejorative Beschreibung neuer religiöser Gruppen ist. Aus diesem Grund wird die angemessenere, neutrale Bezeichnung „Neue religiöse bzw. weltanschauliche Bewegung“ empfohlen. Zudem muss jede Gemeinschaft oder Bewegung in ihrem individuellen Kontext untersucht werden. Pauschalurteile ersetzen keine sachliche Auseinandersetzung.

Die Welt der Informationen ist im digitalen Zeitalter lediglich ein Mausklick entfernt. Möge sich der werte Astrologie-Experte bitte selbst zur Recherche bequemen. Außerdem: Dass ein katholisches Seminarhaus ihre Räumlichkeiten an nicht-kirchliche gemeinnützige Vereine vermietet, ist ja wohl wirklich keine Sensation. Oder wundert das einen evangelisch-lutherischen Scharlatanerie-Experten immer noch?

Trotz seines vorsorglichen Aufschreis um die UPF-Konferenz schaute Pöhlmann nicht einmal im Schloss Fürstenried vorbei, um die Inhalte der Diskussionen zu dokumentieren.


Dr. Matthias Pöhlmann ist seit 2014 der bayerische „Beauftragte für Sekten– und Weltanschauungsfragen“ der evangelisch-lutherischen Kirche. Er promovierte im Jahr 1997 in Praktischer Theologie zum Thema „Apologetische Centrale“. Laut eigenen Angaben stützt er seine Analysen von religiösen Gegenwartsphänomenen auf „Internet-Recherchen und eigene Feldforschung“. Pöhlmann führt persönliche Beratungen durch, hält Vorträge und Seminare für Multiplikatoren, Lehrer und Journalisten. Aufgrund seines undifferenzierten Zugangs ist Pöhlmanns sogenannte Beratungstätigkeit in Kritik geraten und gilt unter Beobachtern als umstritten.

 


[1] Usarski, Frank: Die Stigmatisierung Neuer Spiritueller Bewegungen in der Republik Deutschland. Hannover, 1987. Dissertation aus dem Jahr 1987 im Fachbereich Theologie – Sonstiges, Note: sehr gut, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover, 552 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch.

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