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Farid Gardizi


Demokratie braucht Toleranz. Ohne gegenseitigen Respekt ist
es nicht möglich, friedlich miteinander zu leben. Wie wesentlich
Toleranz für das Zusammenleben aller Menschen ist, daran erinnert die
UNESCO am 16. November zum "Internationalen Tag der Toleranz".
Toleranz findet täglich seinen Ausdruck: in der Ehe und Familie, in Freundschaften, in der Schule, am Arbeitsplatz, auf der Straße und nicht zuletzt zwischen Völkern und Kulturen. Gesellschaften brauchen Toleranz, wenn sie das Zusammenleben in einer globalisierten Welt bewältigen wollen. "Toleranz ermöglicht Differenz, Differenz benötigt Toleranz", sagt Philosoph Michael Walzer. Doch wo liegen die Grenzen der Toleranz?
Der Begriff war ideengeschichtlich bedeutsam für die Entstehung der liberalen Demokratie. Unter den Gelehrten im Europa des 18. Jahrhunderts wurde leidenschaftlich über die Frage der Toleranz philosophiert. Vorausgegangen waren verheerende Religions- und Bürgerkriege. Die Philosophen im Zeitalter der Aufklärung wollten einen Weg finden, wie Völker und Kulturen trotz unterschiedlichen Glaubens friedlich miteinander leben können. Ihre Sorge: Wenn Menschen weiterhin Andersgläubige bekämpfen dürften, dann werde sich Europa kurz über lang selbst vernichten. Konflikte über den Sinn des Daseins dürften nicht mit Gewalt ausgetragen werden.
Die Gesellschaften zu Zeiten der Aufklärung waren vertikal und feudal organisiert. Hierarchien waren bindend, Herrschafts- und Machtverhältnisse eindeutig. Wurden Minderheiten wie Juden, Hugenotten, Sinti und Roma toleriert, dann waren sie per Edikt meist Bürger zweiter Klasse. Die Vordenker der liberalen Demokratie setzten dagegen den Mensch über alles Ständische, sie forderten Toleranz gegenüber der Freiheit des Einzelnen. Dieser Grundgedanke begründete eine Verfassungstradition, die die Freiheit zusichert, sein Leben ohne Furcht und Mangel führen zu können.
Die klassische Begründung dieses Toleranz-Gedanken formulierte der englische Philosoph John Locke. 1689 erschien sein "Brief über die Toleranz" vor dem Hintergrund schwerer religiöser Konflikte in England. Für Locke besteht die entscheidende Aufgabe des Staates darin, Leben, Besitz und Freiheiten der Bürger zu schützen: "Weder das Recht noch die Kunst des Regierens zieht notwendig die gewisse Kenntnis anderer Dinge nach sich und am wenigsten der wahren Religion". Als Inhaber des Gewaltmonopols darf der Staat religiöse Überzeugungen weder mit Gewalt durchsetzen noch bekämpfen – selbst wenn sich diese fundamental widersprechen.
Begann Toleranz zunächst als Geste staatlicher Duldung gegenüber Religionen – sofern diese friedlich koexistierten – avancierte sie mit der Aufklärung zur zentralen Haltung des modernen Bürgers. Voraussetzung dafür war neben der Gewaltenteilung auch das Recht auf freie Meinungsäußerung. Heute ist Toleranz ein Wesenskern des säkularen Staates – auch wenn sie ihre Grenzen hat. Voltaire brachte das Dilemma bereits im 18. Jahrhundert auf den Punkt: "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst."
Toleranz muss aktiv stattfinden, sie gewährt nicht bloß, sie würdigt die Freiheit eines jeden Menschen und verzichtet auf das Gefühl der Überlegenheit. "Toleranz", schreibt Goethe, "sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen." Wer tolerant ist, verfügt demnach über die innere Freiheit, sich in andere Lebensweisen und Anschauungen einzufühlen. Toleranz ist jedoch kein Selbstzweck, sie ist ein Mittel, um den sozialen Frieden innerhalb einer Gesellschaft zu ermöglichen. Sie endet dort, wo aus falsch verstandener Toleranz, ihre Legitimationsgrundlage – die Menschenrechte – verletzt werden.
Toleranz als Mittel zur inneren Ordnung von Staaten reicht allein jedoch nicht. Erst eine globale Toleranz garantiert nach Immanuel Kant einen "ewigen Frieden". Denn innere Friedfertigkeit kann einhergehen mit äußerer Aggressivität. "Völker, als Staaten, können wie einzelne Menschen beurteilt werden, die sich in ihrem Naturzustande schon durch ihr Nebeneinandersein lädieren", schreibt Kant 1795 in seinen Ausführungen "Zum ewigen Frieden". Globale Toleranz erfordert die wechselseitige Duldung von Staaten untereinander, sie beginnt dort, wo die gemeinsam anerkannte Moral endet, und sie wird da geregelt, wo zwischenstaatliche Beziehungen Diplomatie erfordert.
Was passiert, wenn die Grenzen der Selbstbestimmung von Nationen nicht respektiert werden, wurde im 20. Jahrhundert mehr als virulent. Weltkriege, Völkermorde und Kolonialismus waren barbarische und demütigende Erscheinungen. Die Vereinten Nationen verabschiedeten im Angesicht dieser Erfahrungen 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Kern der Erklärung ist der Grundsatz: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." In 30 Artikeln formuliert das Dokument ein universal gültiges Wertesystem für das Zusammenleben aller Menschen und Staaten.
Um die Menschenrechte in rechtsverbindliche Normen zu verwandeln, haben die Vereinten Nationen in den vergangenen 60 Jahren zahlreiche Vereinbarungen getroffen. Was "Toleranz" ausdrückt, definierten die Mitgliedstaaten der UNESCO 1995 in ihrer "Erklärung von Prinzipien der Toleranz", um entschlossen alle positiven Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um den Gedanken der Toleranz aktiv in den Gesellschaften zu verbreiten. "Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden." Daran erinnert die UNESCO am Internationalen Tag der Toleranz, der jährlich am 16. November gefeiert wird.
An die Bedeutung von Toleranz erinnert auch der "Square de la Tolérance" vor dem Pariser Hauptgebäude der UNESCO, den der israelische Künstler Dani Karavan gestaltet hat.
Foto © UNESCO
UNESCO-Erklärung über die Prinzipien der Toleranz
http://www.unesco.de/erklaerung_toleranz.html
Botschaft der UNESCO-Generaldirektorin zum Tag der Toleranz 2009
http://unesdoc.unesco.org/images/0018/001857/185753e.pdf
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unesco heute online • Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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