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OSLO/PEKING: Friedensnobelpreis 2010 gaht an inhaftierten chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo

Friedensnobelpreis geht an chinesischen Dissidenten


Die Presse

LiuDas Nobel-Komitee geht auf Konfrontation mit China und gibt die Auszeichnung Liu Xiaobo, der wegen "Untergrabung der Staatsgewalt" in Haft sitzt. China reagiert empört und nennt den Preisträger einen "Kriminellen".

Nach US-Präsident Barack Obama wird ein inhaftierter Menschenrechtler in China ausgezeichnet: Das Nobelkomitee in Oslo hat den Friedensnobelpreis 2010 an den zu elf Jahren Haft verurteilten Dissidenten und Schriftsteller Liu Xiaobo vergeben.

Die chinesische Regierung hat empört auf die Vergabe reagiert. Mit der Auszeichnung für den "Kriminellen" verstoße das Nobelpreiskomitee gegen seine eigenen Prinzipien, erklärte die Staatsführung in Peking.

Preis für "langen gewaltlosen Kampf"

Der norwegische Komiteechef Thorbjörn Jagland begründete am Freitag die Entscheidung mit dem "langen gewaltlosen Kampf für zentrale Menschenrechte" des Chinesen seinem Land. Der 54-Jährige sei zu elf Jahren Haft verurteilt worden, weil er seine politische Meinung verbreitet habe.

In der Begründung hieß es weiter: "In China sind die Freiheitsrechte weiter eindeutig eingeschränkt." Jagland bestätigte, dass Diplomaten der Regierung in Peking Druck auf das Osloer Komitee ausgeübt hätten, den weltberühmten Preis nicht an Liu Xiaobo oder einen anderen chinesischen Dissidenten zu vergeben.

Komitee: "Sind völlig unabhängig"

Jagland stellte klar: "Wir sind völlig unabhängig in unseren Entscheidungen." Die Regierung in Peking hatte mit einer Verschlechterung der Beziehungen zu Norwegen gedroht, sollte der Dissident den Preis bekommen.

 Im letzten Jahr erhielt US-Präsident Barack Obama die Auszeichnung. Der Friedensnobelpreis ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro dotiert. Letzter deutscher Preisträger war 1971 der damalige Bundeskanzler Willy Brandt.

Die Vergabe des Friedensnobelpreises an Liu haben chinesische Intellektuelle als Ermutigung für die demokratischen Kräfte in China gewertet. Dissidenten begrüßten am Freitag in Peking die Auszeichnung, die den Druck auf die chinesische Regierung verstärke.

Magenprobleme in Haft

Seine Frau Liu Xia berichtete kurz vor der Verleihung, Liu Xiaobos geistige Verfassung sei recht gut, doch leide er in der Haft immer wieder unter Magenproblemen. "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er den Nobelpreis gewinnen würde", sagte Liu Xia der Nachrichtenagentur dpa. "Deswegen ist es umso schwerer, mir vorzustellen, wie sich alles entwickeln wird, nachdem er ihn bekommen hat."


Nobelpreis: Der einsame Kampf der Dissidenten

09.10.2010 | 18:01 |  von JUTTA LIETSCH (PEKING), Wieland Schneider, Thomas Seifert UND CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Der chinesische Friedens-Nobelpreisträger Liu Xiaobo ist nur einer von zehntausenden Gewissensgefangenen weltweit. Es gibt Wege, ihnen zu helfen. Doch nicht immer sind westliche Regierungen entschlossen genug.

Dicker Smog liegt an diesem Oktobersamstag über Peking, aber Buchhändler Li steht vor seinem Geschäft in der Innenstadt und schaut, als sei gerade die Sonne aufgegangen. „Das ist ein guter Tag für China“, kommentiert er die Nachricht, dass der inhaftierte Bürgerrechtler Liu Xiaobo den Friedens-Nobelpreis erhält. Mit feiner Ironie fügt er hinzu: „Denken Sie nur: Wie lange schon hatten wir Chinesen uns nach einem Nobelpreis gesehnt, und nun haben wir gleich den wichtigsten und besten von allen bekommen – dank der hervorragenden Arbeit unserer Regierung!“

Die Entscheidung des Nobelpreiskomitees aus Oslo hatte sich am Vortag wie ein Lauffeuer verbreitet – trotz aller Zensurbemühungen der Behörden. In Peking und andernorts trafen sich spontan Freundeskreise zur Party. Im Internet und auf Mikro-Blogs kursierten Glückwünsche und Karikaturen – eine zeigt eine Medaille hinter Gittern.

In die Freude über die Ehrung für den 54-jährigen Liu, der Weihnachten 2009 als Mitautor des Reformappells „Charta 08“ zu elf Jahren Gefängnis verurteilt wurde, mischte sich zunächst Sorge über das Schicksal seiner Frau Liu Xia. Am Samstag tauchte die zierliche Künstlerin wieder auf. Es hieß, ihr werde Zutritt zum Gefängnis von Jinzhou gewährt, um ihrem Mann zu besuchen.

Wie viele Chinesen derzeit das Schicksal Liu Xiaobos teilen und als politische Häftlinge im Gefängnis sind, ist unklar. Solche Informationen betrachtet die Regierung als „Staatsgeheimnis“. Experten wie Nicholas Bequelin von „Human Rights Watch“ in Hongkong schätzen, dass es Tausende sind. Jedes Jahr werden zwischen 500 und 800 Chinesen wegen „Staatssicherheitsdelikten“ angeklagt.

Dazu kommen noch jene Gefangenen, die wegen ihres Glaubens (zum Beispiel der Zugehörigkeit zur Falungong-Bewegung) inhaftiert sind, außerdem wahrscheinlich eine sehr große Zahl von Tibetern und Uiguren, die nach den Unruhen von 2008 und 2009 verurteilt worden sind. Zwischen fünf und acht Prozent der insgesamt rund 250.000 Chinesen, die ohne Gerichtsurteil in Umerziehungslagern sitzen, sind laut Menschenrechtsorganisationen ebenfalls wegen politischer oder religiöser Gründe inhaftiert.

Wie viele Gewissensgefangene weltweit hinter Gittern sitzen, kann nur geschätzt werden. Es sind wohl Zehntausende. Akbar Gandji, einer der prominentesten iranischen Dissidenten, darbte sechs Jahre im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis. Jedes Mal, wenn er eine politische Stellungnahme aus der Zelle schmuggelte, musste er in Einzelhaft. „Es war wie im Grab“, erzählt der 50-jährige Journalist, der mittlerweile in Berlin lebt.


Jeder Brief hilft. Doch Gandji gab nicht auf. Er widerrief nicht. Er blieb bei seiner Forderung, die ihn ins Gefängnis der Islamischen Republik gebracht hatte: Er beharrte auf einer Trennung von Religion und Staat. Ein Hungerstreik brachte ihn an die „Grenze des Todes“. Und dann kam der Schriftsteller doch frei. Druck aus den USA und Europa hatten geholfen. „Jede Unterstützungserklärung, jeder Brief nützt“, sagt er.

Amnesty International hat sich einen Bausatz an Hilfsmaßnahmen für Gefangene zurechtgelegt: Zunächst wird versucht, direkt mit den Behörden des jeweiligen Landes Kontakt aufzunehmen. Wenn das nichts nützt, folgt die Mobilisierung der Öffentlichkeit: Präsidenten, Innenminister, Polizeichefs werden mit Massenpetitionen für den Inhaftierten bombardiert – per E-Mail, Brief oder Unterschriftenliste, die etwa bei Staatsbesuchen übergeben wird. Eine Methode, die durchaus Erfolg haben kann. „Viele Gefangene haben erzählt, dass die Prügel weniger wurden, als die ersten Briefe eintrafen“, sagt der Generalsekretär von Amnesty Österreich, Heinz Patzelt. Und er zitiert den chinesischen Dissidenten Wei Jingsheng, der 1997 nach vielen Jahren Gefängnis freigelassen und in die USA abgeschoben wurde: „Nach den ersten 1000 Briefen erhielt ich meine Brille zurück, nach den ersten 2000 bekam ich besseres Essen. Nach 20.000 wollte plötzlich der Gefängnisdirektor mit mir sprechen.“

Mit der Mobilisierung einer breiten Öffentlichkeit kann man vor allem Regimes beeindrucken, die – wie Patzelt es ausdrückt – noch „eine Resteitelkeit“ besitzen. Also Regierungen, die international wenigstens noch den Anschein wahren wollen, dass in ihren Ländern so etwas wie Rechtsstaatlichkeit herrscht. „Wirkliche Brutalo-Diktaturen wie Nordkorea kann man damit nicht treffen.“

Wird der Friedensnobelpreis das Verhalten der chinesischen Regierung ändern? Der iranische Dissident Gandji hofft auf eine Schutzwirkung für seinen chinesischen Leidensgenossen Liu. Manfred Nowak, UN-Sonderberichterstatter für Folter, ist da skeptischer. „Solche Regime tun derartige Preisverleihungen als westliche Einmischung ab.“ Er erinnert an das Schicksal der burmesischen Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, die 1991 den Friedens-Nobelpreis erhielt. Sie steht bis heute unter Hausarrest.

Es war schon besser bestellt um Menschenrechte. Der Siegeszug der Demokratie stockt. Die Welt ist wieder autoritärer geworden. Seit 1972 misst das „Freedom House“, wie frei oder unterdrückt die Menschen auf allen fünf Kontinenten sind. Heuer stellte die unabhängige Organisation zum vierten Mal in Folge Rückschritte fest.

China zeigt vor, dass man auch ohne Demokratie wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Das Modell strahlt weithin aus. Der Westen hingegen hat an Überzeugungskraft verloren. Vor allem die USA haben mit ihrem Krieg gegen den Terror ihren Nimbus als „Menschenrechtsgroßmacht“ gewaltig angekratzt. Im Kampf für Menschenrechte hat der Westen immer schon zweierlei Maß angelegt. „Die Europäer setzen sich vor allem für Gefangene in weniger mächtigen Ländern ein, in denen dieses Engagement nicht so wehtut“, analysiert Amnesty-Chef Patzelt.

Bei China sei das schon schwieriger. Da geht das Geschäft vor. So sehen das mittlerweile auch die Amerikaner, vor allem seit Ausbruch der Finanzkrise. Menschenrechtsfragen dürften den Beziehungen zwischen China und den USA nicht im Wege stehen, sagte US-Außenministerin Hillary Clinton gleich zu Beginn ihrer Amtszeit.

Früher waren die Amerikaner am ehesten erfolgreich mit ihren Interventionen in China. Denn sie stellten Bedingungen und erreichten so die Freilassung von Gefangenen. Die Europäer redeten um des Redens willen. „Der Menschenrechtsdialog der EU mit China hat wenig gebracht“, resümiert der Menschenrechtsexperte Manfred Nowak eine aktuelle Doktorarbeit.

Christian Strohal, Österreichs Botschafter bei der UNO in Genf, bevorzugt die langfristige Perspektive. „Dann kann man unglaubliche Fortschritte feststellen“, sagt er. Der Diplomat setzt auf die Einsicht aufstrebender Staaten wie China. „Ein gestärkter Rechtsstaat wirkt Wunder bei der Korruptionsbekämpfung, stärkt den Wirtschaftsstandort und trägt längerfristig zu einer Stabilisierung der Gesellschaft bei.“


Gedungene Schläger. Für Chen Guangcheng ist das alles graue Theorie. Der blinde chinesische Anwalt, bekannt wegen seines Einsatzes gegen massenhafte Zwangsabtreibungen in Ostchina, wird auch nach Abbüßung seiner vierjährigen Haftstrafe schikaniert. Seit seiner Freilassung am 9. September hindern ihn gedungene Schläger daran, sein Haus in einem Dorf zu verlassen, einkaufen zu gehen oder einen Arzt zu besuchen. Auf Dissidenten wie ihn und den neuen Friedens-Nobelpreisträger Liu wartet noch ein langer Kampf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2010)


Die Charta 08

Charta08-paradeLiu Xiaobo gehörte Ende 2008 zu den mehr als 300 Unterzeichnern der Charta 08, die in der Tradition der tschechoslowakischen Charta 77 für mehr Demokratie und Freiheit in der Volksrepublik eintritt.

Liu ist auch Ehrenvorsitzender des PEN-Clubs unabhängiger chinesischer Schriftsteller. Er war im Dezember 2009 wegen "Untergrabung der Staatsgewalt" zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Er gilt als führender Kopf hinter der "Charta 08", einem Aufruf für Demokratie und Menschenrechte in China in der Tradition der "Charta 77" tschechoslowakischer Bürgerrechtler. Liu ist seit zwei Jahrzehnten ein führender Denker der Demokratiebewegung. Er war auch an den blutig niedergeschlagenen Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 beteiligt und saß bereits vor seiner Verurteilung mehrfach in Haft. 

Am 8. Dezember 2008, zwei Tage vor dem 60. Jahrestag der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen, wurde Liu Xiaobo von der Polizei in seiner Wohnung festgenommen. Nur Stunden nach seiner Festnahme wurde der Text der Charta 08 im Internet veröffentlicht.

Der damalige deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte am 10. Dezember 2008:

„Wir dürfen nicht schweigen. Auch nicht gegenüber China und erst recht nicht angesichts der Verhaftung von Liu Xiaobo, der vor zwei Tagen in China verhaftet wurde, weil er den Appell „Charta 2008“ verteilen wollte. Ein Ereignis, das die menschenrechtlich unbefriedigende Lage nochmals dokumentiert.“

Dagegen gab es Proteste aus aller Welt, darunter auch seitens der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (Photo: Protest gegen Xiaobos Verhaftung in Hongkong)

Forderungen der Charta 08

Die Unterzeichner der Charta 08 setzen sich ein für:

  • Eine neue Verfassung
  • Gewaltenteilung
  • Eine demokratische Gesetzgebung
  • Eine unabhängige Justiz
  • Die Kontrolle der Beamten durch die Öffentlichkeit
  • Die Gewährleistung der Menschenrechte
  • Regelmäßige Wahlen der Regierungsbeamten
  • Die Gleichheit von Stadt und Land
  • Die Freiheit, Vereinigungen zu bilden
  • Versammlungsfreiheit
  • Meinungsfreiheit
  • Religionsfreiheit
  • Die Einführung eines staatsbürgerlichen Unterrichts
  • Den Schutz des Privateigentums
  • Eine Finanz- und Steuerreform
  • Die Einführung einer Sozialversicherung
  • Den Umweltschutz
  • Eine föderative Republik
  • Eine Wahrheitskommission.

Auszüge aus der Charta 08

2008 jährt sich die erste Verfassung Chinas zum hundertsten, die 'Erklärung der universellen Menschenrechte' zum 60. und die Pekinger 'Mauer der Demokratie' zum 30. Mal. Und vor zehn Jahren unterzeichnete die chinesische Regierung den (völkerrechtlichen UNO- Vertrag; Anm.) 'Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte'. Die chinesischen Bürger sind nach langwierigen, mühsamen und von Rückschlägen gezeichneten Kämpfen aufgewacht und erkennen in täglich wachsender Klarheit, dass Freiheit, Gleichberechtigung und Menschenrechte gemeinsame und universelle Werte der Menschheit sind, dass Demokratie, Republik und die verfassungskonforme Regierung Fundament und Rahmen einer modernen Politik sind. Eine 'Modernisierung', die sich von diesen universellen Werten und solchen Grundlagen der Politik entfernt, kann nur zu einer Katastrophe werden, weil sie den Menschen ihre Rechte raubt, ihre Vernunft korrumpiert und ihre Würde zerstört. (...)
 
Das 'Neue China' (Chiffre der Kommunistischen Partei für ihren Staat; Anm.) von 1949 war indessen nur dem Namen nach eine 'Republik des Volkes', tatsächlich war es die 'Welt der Partei'. Die herrschende Partei monopolisierte alle politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ressourcen und produzierte eine Serie menschenrechtlicher Katastrophen (...) Dutzende Millionen Menschen kamen bei alldem ums Leben, die Chinesen und ihr Land zahlten einen verheerenden Preis.

Mit dem Prozess von 'Reform und Öffnung', der am Ende des 20. Jahrhunderts begann, ließ China die allgemeine Armut und den vollkommenen Totalitarismus der Zeit Mao Zedongs (Mao Tse- tungs) hinter sich, das Lebensniveau der Bevölkerung stieg erheblich, individuelle Wirtschaftsfreiheiten und soziale Rechte kehrten teilweise zurück, eine Bürgergesellschaft begann zu wachsen. Seither nehmen auch die Rufe nach Menschenrechten und politischer Freiheit zu. Während die Machthaber die Wirtschaft in Richtung Markt und Privatisierung reformierten, begannen sie auch damit, nach und nach von der Ablehnung der Menschenrechte zu deren sukzessiver Anerkennung überzugehen. (...) Freilich sind solche Fortschritte bis heute zu großen Teilen auf das Papier beschränkt, auf dem sie stehen; wir haben Gesetze, aber keine gesetzeskonforme Herrschaft, wir haben eine Verfassung, aber keine entsprechende Regierung. (...) Der machthabende Block hält weiterhin daran fest, seine autoritäre Herrschaft zu verteidigen. Er verweigert eine politische Wende, was geradewegs zur heute endemischen Beamten- Korruption führt, die die Schaffung einer legitimierten Herrschaft erschwert, die Rechte der Menschen verschüttet, alle Ethik zerstört, die Gesellschaft polarisiert und die Wirtschaft in abnormer Weise entwickelt. (...) Die Rechte der Bürger auf Freiheit, Eigentum und die Verfolgung ihres Glücks haben keinen systemischen Schutz. Gesellschaftliche Widersprüche jeder Art türmen sich ununterbrochen auf, die Unzufriedenheit steigt weiterhin, und insbesondere verschärft sich der Antagonismus zwischen Funktionären und Bevölkerung. Die Anzahl sogenannter Zwischenfälle mit Massencharakter (Großdemonstrationen, häufig gewaltsam) steigt so scharf an, dass sich schon ein katastrophaler Trend zum Verlust der Kontrolle zeigt. Die Rückständigkeit des gegenwärtigen Systems ist an einem Punkt angekommen, wo es ohne Reformen gar nicht mehr geht."

Unter "II Unser grundsätzliches Konzept" wird dazu aufgerufen, den Modernisierungsprozess zu überdenken; die Grundsätze Freiheit, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Res publica, Demokratie und verfassungsgemäßes Regieren müssten bekräftigt werden.

Unter "III Wofür wir grundsätzlich eintreten" sind aufgezählt: 1. Revision der Verfassung, 2. Gewaltenteilung und Machtbalance, 3. Eine demokratische Legislative, 4. Unabhängigkeit der Judikative, 5. Öffentliches Eigentum gehört der Öffentlichkeit, 6. Sicherung der Menschenrechte, 7. Wahl der Beamten, 8. Städter und Landbewohner sind gleich, 9. Organisationsfreiheit, 10. Versammlungsfreiheit, 11. Freiheit der Rede, 12. Religionsfreiheit, 13. Ein Bildungssystem für Bürger, 14. Schutz des Eigentums, 15. Finanz- und Steuerreform, 16. Soziale Sicherung, 17. Schutz der Umwelt, 18. Bundesrepublik, 19. Rehabilitation der Ungerechtigkeiten.

"IV Schluss"

Als eines der großen Länder der Erde, als eines der fünf Mitglieder des Sicherheitsrates der Vereinen Nationen, als Mitglied des Ausschusses für Menschenrechte muss China eigene Beiträge für die friedliche Sache der Menschheit und Fortschritte bei den Menschenrechten leisten. Es ist bedauerlich, dass allein China unter den Großmächten der heutigen Welt sich noch im Zustand eines autoritären politischen Systems befindet und aus diesem Grund fortwährend Menschenrechtskatastrophen und soziale Krisen produziert, die Entwicklung der Nation aus eigener Kraft fesselt und den zivilisatorischen Fortschritt der Menschheit einschränkt. Dieser Zustand muss geändert werden! Die Überführung der politischen Herrschaft in eine Demokratie erlaubt keinen weiteren Aufschub mehr."

(Zitiert aus einer Übersetzung ins Deutsche, welche die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" am 22. Dezember 2008, Seite 6/7, veröffentlichte)


Der Preis der Freiheit

Kommentar: Paul Lendvai (Der Standard)
13. Oktober 2010, 18:53

lendvaiZwei Jahre im Gefängnis, drei Jahre Zwangsarbeit und die ständigen Drohungen haben Liu Xiaobo und seine Frau nicht eingeschüchtert

Eine ganze Flut von Artikeln, Studien und Büchern wurden in den letzten Jahren über den unaufhaltsamen Aufstieg Chinas zur militärischen, wirtschaftlichen und finanziellen Weltmacht veröffentlicht. Die westlichen Investoren kämpfen mit allen Mitteln, um lukrative Großaufträge zu gewinnen.

Man kann also die Verblüffung, ja Empörung der chinesischen Regierung verstehen, wenn in diesem internationalen Klima der respektvollen Bewunderung für die Wirtschaftsleistungen des Milliardenvolkes ausgerechnet einem im vergangenen Dezember zu elf Jahren Haft verurteilten "Kriminellen" durch das zuständige norwegische Komitee der Friedensnobelpreis verliehen worden ist.

Hatte nicht selbst die Leiterin des chinesischen Pen Clubs bei einer Begegnung im vergangenen Jahr gesagt, sie habe nie im Leben von einem Liu Xiaobo gehört, es müsse sich um ein Irrtum handeln, einen Schriftsteller dieses Namens gebe es nicht?

Ich kann mich noch lebhaft an die Worte eines inzwischen in der totalen Versenkung verschwundenen tschechoslowakischen Ministerpräsidenten erinnern, der im Herbst 1989 in Wien den wegen "konterrevolutionärer Propaganda" und "Anstachelung zum staatsfeindlichen Verbrechen" immer wieder verhafteten Václav Havel als eine "absolute Null" bezeichnete. Die totalitären oder autoritären Regime hatten stets in fast gleich lautenden Erklärungen ihre Empörung über die "unerhörte" oder "obszöne" Einmischung von außen in ihre inneren Angelegenheiten ausgedrückt als solche "Kriminelle" wie der im Nazi-KZ festgehaltene Carl von Ossietzky, der vom Sowjetregime verfolgte Andrei Sacharow oder der jahrzehntelang inhaftierte Nelson Mandela in Südafrika mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden.

Die kompromisslose Unterdrückung der Freiheit durch die rot lackierte und mit modernsten technischen Mitteln der Kommunikation, der Zensur und der Beschattung der Bürger ausgerüstete chinesische Diktatur trifft einen "sanften Menschen", einen "versöhnlichen Kämpfer" für die Würde des Individuums, Meinungs- und Publikationsfreiheit und die Gewaltlosigkeit des Widerstandes. Dem heute 54 Jahre alten früheren Universitätsdozenten Liu Xiaobo, Autor von fünf Büchern und rund 1500 im Internet veröffentlichten Artikeln, wurde völlig zu Recht der Friedensnobelpreis verliehen.

Er ist seit seiner Rückkehr von einem Forschungsaufenthalt in den USA, um sich jener Demokratiebewegung vom Himmlischen Platz des Friedens in Peking anzuschließen, die am 4. Juni 1989 vom Militär blutig niedergeschlagen wurde, die herausragende Persönlichkeit des Kampfes für die Demokratie in China geworden. Zwei Jahre im Gefängnis nach dem Blutbad im Juni 1989, drei Jahre Zwangsarbeit 1996-1999 und die ständigen Drohungen haben ihn und seine Frau nicht eingeschüchtert. Nach dem Vorbild der tschechoslowakischen "Charta 77" veröffentlichte Liu Xiaobo die "Charta 08" mit Forderungen für Freiheit und Demokratie. Er wurde im Dezember 2008 festgenommen und im vergangenen Jahr zu elf Jahren Haft verurteilt. Jene, die noch immer bereit sind, den Preis des Maulkorbs für Liu Xiaobo zu zahlen, um die Marktchancen in China nicht zu gefährden, sollten das Schlussplädoyer im Prozess und seinen Essay lesen und sich schämen.  (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2010) E-Mail: paul.lendvai@derstandard.at


 

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